Donnerstag, 17. August 2017

Ein weiterer Schritt in die Diktatur

Im Juni 2017 hat die Verwaltung des 8. Bezirks in Budapest das Auróra Kulturzentrum einer 18stündigen Razzia durch die Polizei unterzogen. Es folgten zwei Verordnungen zur Schließung des Gastronomiebetriebes von Auróra. Dieses Ereignis fügt sich in den derzeitigen politischen Trend in Ungarn, in dem rechtsextremistische Ideen und Politik zunehmen, die Kommunikation der Regierung spaltet und nicht verbindet und der Premierminister den Wechsel von einer „liberalen“ zur „illiberalen“ Demokratie fordert.


Angesiedelt im sozial und ethnisch heterogenen 8. Bezirk Budapests ist Auróra ein Zentrum für alternative Kultur und soziales Engagement. Hier sind Dutzende von NGOs angesiedelt, die für und mit marginalisierten und stigmatisierten Gruppen arbeiten, z.B. Roma, LGBTQI*, Sexarbeiter*innen, Menschen mit Suchtproblemen, Obdachlose u.a Auróra wurde 2014 von der jüdischen Organisation Marom gegründet als Nachfolgeort des 2012 geschlossenen sozio-kulturellen Treffpunktes Siraly. In Auróra hat auch die progressive jüdische Gemeinde Dor Hadash ihren Sitz. Zu den wichtigsten Zielen des Auróra-Projektes gehören die Stärkung der Zivilgesellschaft durch Schaffung von Vernetzungsplattformen und inklusiven Räumen, Unterstützung der Kooperationen zwischen den dort arbeitenden Organisationen sowie durch erfahrungsbasierte, künstlerische und lokal verankerte aktivistische Praxis soziale Gerechtigkeit zu fördern.


Auróra stellt NGOs Büroräume zu subventionierten Mieten zur Verfügung, bietet kostenlos oder zu ermäßigten Preisen Dienstleistungen sowie Unterstützung durch Freiwillige. Diese Leistungen finanziert Auróra als „social enterprise“ durch Einnahmen aus seinem Gastronomiebetrieb.


Auróra hat kontinuierlich progressive soziale Bewegungen unterstützt und an ihren Protesten teilgenommen, so auch kürzlich, als die ungarische Regierung Gesetzgebung erlassen hat, die die Arbeit der renommierten Central European University (CEU) zu beeinträchtigen versucht sowie auch gegen den „Auslandsagentenerlass“ zur Kontrolle von internationalen NGOs und die anti-semitischen Kampagnen gegen CEU-Initiator und -Unterstützer George Soros. Im Juni dieses Jahres fand bei Auróra eine Polizeirazzia statt, weil das Zentrum als Drogenumschlagplatz unter Verdacht steht. 15 Besucher*innen wurden verhaftet. Lediglich zwei Personen waren im Besitz von Eigenbedarfsmengen von Cannabis, davon eine, der Marijuana zu medizinischen Zwecken verschrieben wurde. Darauf hin hat der Bürgermeister des 8. Bezirks Auróra die Handelslizenz entzogen, wodurch 80% aller Einkünfte entfallen.


Auróra hält den Betrieb aufrecht, braucht aber Unterstützung zur Weiterführung seiner sozialen Aktivitäten und für Rechtsbeistand zur Wiedererlangung der Handelslizenz. Auróra ist ein wichtiger Teil der ungarischen Zivilgesellschaft und des Stadtlebens in Budapest und seinem 8. Bezirk. Auróra ist ein Ort, an dem Kunst und soziales Engagement Hand in Hand gehen. Deshalb rufen wir zur Solidarität auf. Am 20. August 2017, ab 19:00 im ZK/U, Siemensstr. 27, Berlin-Moabit, präsentieren Filme und Gespräche über die Situation von Auróra im breiteren Kontext der aktuellen politischen Lage in Ungarn. Der Eintritt ist, aber Spenden sind sehr willkommen. Unterstützung ist auch online möglich: http://auroraonline.hu/support-us/?lang=en


Diese Veranstaltung wird organisiert von Freie Ungarische Botschaft und One World Berlin Human Rights Film Festival mit freundlicher Unterstützung von ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik.

Montag, 3. April 2017

Brüssel, böser denn je!

Vor wenigen Tagen wurden von der Orbán-Regierung unter dem Titel "Nationale Konsultation 2017" wiederum Fragebögen ausgeschickt, durch die die Regierung die "Meinung der Bürger" erfahren will. Ähnliches hat schon stattgefunden. Der Fragebogen sei hier ohne weiteren Kommentar wiedergegeben.

1.    Brüssel ist dabei, einen gefährlichen Schritt zu tun. Man will uns zur Rücknahme der Nebenkostensenkung zwingen.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Wir müssen die Nebenkostensenkung verteidigen. Beharren wir darauf, dass in Ungarn wir die ungarischen Energiepreise festlegen.
B.    Akzeptieren wir die Pläne Brüssels und überlassen wir den Großunternehmen die Festlegung der Nebenkosten.

2.    In letzter Zeit ist es in Europa immer wieder zu Terrorangriffen (sic!) gekommen. Trotzdem will Brüssel Ungarn zwingen, illegale Einwanderer ins Land zu lassen.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Zur Sicherheit der Ungarn müssen die illegalen Einwanderer unter Aufsicht gestellt werden, bis die Behörden in ihrer Sache entschieden haben.
B.    Erlauben wir den illegalen Einwanderern, sich frei in Ungarn zu bewegen.

3.    Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die illegalen Einwanderer, die nach Ungarn wollen, nicht nur von Menschenschmugglern, sondern auch von bestimmten internationalen Organisationen zu ungesetzlichen Aktivitäten angestiftet werden.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Die Aktivitäten zur Förderung der illegalen Einwanderung – wie den Menschenschmuggel und die Bewerbung der illegalen Einwanderung – müssen bestraft werden.
B.    Akzeptieren wir, dass es internationale Organisationen gibt, die ohne Konsequenzen zur Umgehung der ungarischen Gesetze aufrufen können.


4.    Es sind immer mehr vom Ausland unterstützte Organisationen in Ungarn tätig, die die Absicht verfolgen, auf die inneren Angelegenheiten Ungarns auf undurchsichtige Weise Einfluss zu nehmen. Die Tätigkeit dieser Organisationen gefährdet unsere Unabhängigkeit.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Verpflichten wir sie dazu, sich registrieren zu lassen und dabei anzugeben, im Auftrage welchen Landes oder welcher Organisation sie tätig sind und welche Absichten sie verfolgen.
B.    Lassen wir sie auch weiterhin unkontrolliert ihrer riskanten Tätigkeit nachgehen.

5.    Ungarn war bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze in den letzten Jahren allein deshalb erfolgreich, weil es seinen eigenen Weg ging. Brüssel jedoch greift die Maßnahmen zur Arbeitsplatzschaffung an.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Über die Zukunft der ungarischen Wirtschaft müssen auch weiterhin wir Ungarn entscheiden.
B.    Brüssel soll entscheiden, was in der Wirtschaft zu tun ist.

6.    Ungarn fühlt sich der Steuersenkung verpflichtet. Unsere Heimat wird von Brüssel auch deswegen angegriffen.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Bestehen wir darauf, dass wir Ungarn über die Steuersenkungen entscheiden dürfen.
B.    Finden wir uns damit ab, dass Brüssel die Höhe der Steuern diktiert.

Die Rücksendung des Fragebogens ist kostenlos.
Einsendeschluss: 20. Mai.

Sonntag, 2. April 2017

Bis alles Feuer fängt



In der zum Großteil von Székler-Ungarn bewohnten Kleinstadt Gyergyószentmiklós/Gheorgheni im rumänischen Siebenbürgen wurden am Freitag Roma-Häuser angezündet.

Ein Gastkommentar von Boróka Parászka, Mitarbeiterin des Radios Marosvásárhely/Târgu Mureș, Journalistin von Magyar Narancs, 168 óra, Erport.



Eines der brennenden Häuser.
Quelle: www.gyindex.ro


Die Welt blickt jetzt auf Budapest und die CEU. Zurecht. In die Kirchen, die Universitäten und in die eigenen Vier Wände der Menschen sind bisher nur die entschlossensten Regime eingedrungen. Es gibt keine eindeutigeren Zeichen für die Allmacht der Herrschenden. Doch neben der Budapester Front (wo Akademiker, Studenten sich organisieren, Briefe schreiben und mit Solidarität rechnen können) wurde in Gyergyószentmiklós/Gheorgheni, einer wohl wenigen bekannten Kleinstadt in Siebenbürgen, eine weitere Front eröffnet. Man kann sie als Fortsetzung dessen sehen, was in Budapest passiert. Organisierte Gruppen haben in Selbstjustiz Häuser angezündet. Zum Spektakel wurden auch Zuschauer gerufen. Vor der versammelten Menge schlug man Frauen und Kinder – laut Berichten klatschten die Anwesenden Beifall und feuerten den Schlägertrupp an. Die angegriffenen Männer mussten sich in einer Reihe aufstellen und sich dann niederknien. Die Presse wurde – auch das wurde von Anwesenden berichtet – bei der Arbeit gestört, daran gehindert, die Ereignisse zu dokumentieren. Stunden vergingen, bis aus der benachbarten Komitatshauptstadt Verstärkung für die örtliche Polizei angekommen war und der Gewalt ein Ende bereitet wurde.
Gyergyószentmiklós, diese wunderbare, oft im Stich gelassene, verratene Kleinstadt, wo einst mit den Szeklern eine große jüdische und armenische Gemeinde lebte, ist ein regionales Zentrum. In der Region Gyergyó und im Gyergyóer Becken tuschelt man nun, dass sich das Feuer ausbreiten werde, jederzeit könne auch das eine oder andere Haus in den umliegenden Dörfern brennen. Ich erhalte immer mehr Briefe von dort Lebenden. Ich erhalte auch Drohungen. Und Hilfeschreie von Lehrern, Journalisten, Intellektuellen. Auch sie haben - wie die Lehrenden der CEU, die Studenten, Mitarbeiter - ein ungutes Gefühl, Angst. Doch ihre Ängste hier sind von ganz anderer Natur. Sie fürchten sich vor der radikaleren Form der Willkür, der Übermacht der Regierung: der entfesselten Selbstjustiz. Die Peitsche wird in der Politik geschlagen, doch hier knallt sie und verursacht tiefe, blutende Wunden. Ich ersuche alle, diese Geschichte in das große Ganze einzufügen. Schaut gleichzeitig auf Budapest, Gyöngyöspata (1), Olaszliszka (2) und Gyergyószentmiklós. Denn das hängt alles zusammen. Erkennt die Bedrohung, seht die Opfer und zeigt Zivilcourage! Für uns alle. Für euch selbst.


(1) In Gyöngyöspata herrschte ein rechtsradikaler Jobbik-Bügermeister, der 2011 die Romabevölkerung in seiner Gemeinde wochenlang von unformierten Rechtsextremisten terrorisieren ließ.

(2) In Olaszliszka wurde 2006 ein Gymnasiallehrer, der ein Mädchen angefahren hatte, aber unverletzt blieb, von einem Roma-Mob vor den Augen seiner zwei Töchter zu Tode geprügelt.

Dienstag, 7. März 2017

Orbáns verrückte Reise durch die Zeit

Heute Vormittag wurden 462 neu ausgebildete Unteroffiziere für die Grenzwacht angelobt. Viktor I. ließ sich auch diese Gelegenheit nicht entgehen, um salbungsvolle Wort von sich zu geben. Wiederum schien es, als hätten seine Gedanken sich irgendwo zwischen Hochmittelalter und 1930er Jahren verirrt.
Verpflegung für Orbáns Recken
Quelle: http://alturl.com/vsv2u

"Seien Sie stolz, denn Sie werden Teil einer erprobten und auch unter schwierigsten Umständen bestehenden Gemeinschaft, der Gemeinschaft der ungarischen Recken auf der Wacht (magyar végvári vitézek)." [Es tauchen immer wieder Fotos auf, die beweisen, dass die Verpflegung der Grenzwächter oft verdorben ist: schimmeliges Brot, vergammelte Wurst, Aufstriche mit Maden usw.]

Grenzwachbeamter zu sein, sei heute besonders schwer, meinte Orbán, "weil wir auch in diesem Augenblick belagert werden". Der Migrationsdruck habe ein wenig nachgelassen, doch müsste man für den nächsten Ansturm alles vorbereiten. "Auf Brüssel und die Europäische Union können wir nicht zählen, sie erschweren unsere Arbeit nur. Wir können nur auf uns selber zählen."

"Die Migration ist das Trojanische Pferd des Terrorismus". Abschließend meinte Orbán noch:
"Die Gesetze müssen für alle gelten, auf für die Migranten, die hierherkommen. Daran ändert kein Menschenrechts-, und verschönerndes Geschwafel was."


Quelle: https://444.hu/2017/03/07/orban-a-migransok-is-vonatkoznak-a-torvenyek-ezen-nem-segit-semmilyen-emberi-jogi-szepelgo-handabanda




Mittwoch, 1. März 2017

Völlig losgelöst

Und schon wieder ist eine jener großen Taten im Busch, deren Wichtigkeit Orbán neben der "ethnischen Reinheit" ja gestern erwähnte. Im ungarischen Amtsblatt "Magyar Közlöny" (Nr. 25/2017, S. 594) wurde (noch vor Absage von Olympia) bekanntgegeben, dass man laut Regierungsbeschluss im Geburtsort des einzigen ungarischen Astronauten (Kosmonauten) Bertalan Farkas ein "Space Center" um rund 3 Mrd. Forint errichten werde.

Hier entsteht in Kürze eine
Raumstation. Quelle: mkkp.hu
Die ungarische Spaßpartei Partei des zweischwänzigen Hundes hatte sich Mitte letzten Jahres, zur Hochzeit der Orbán-Antimigrationspropaganda, über die im ganzen Land affichierten
Plakate lustig gemacht. Auf einem gab sie bekannt, dass in Felcsút, dem Geburtsort Orbáns, in Kürze eine Weltraumstation errichtet würde.

Diese "Raumstation" (space-központ) wird nun unter dem Deckmäntelchen der touristischen Entwicklung in Gyulaháza, 10 km von der ukrainischen Grenze entfernt, wirklich errichtet. Im 2000-Einwohner-Dorf gibt es keine irgendwie gearteten Sehenswürdigkeiten außer einer Gagarin-Büste und es ist allein dafür bekannt, dass der erste und einzige ungarische Kosmonaut, Bertalan Farkas, Träger des Leninordens, Held der Sowjetunion, hier das Licht der Welt erblickte. Er war 1980 mit Sojus 36 acht Tage im Weltraum, doch tourt er bis heute durch diverse Talkshows und spricht über das schmackhafte sowjetische Kosmonautenessen oder über Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Raumfahrt.
Gyulaháza zur Stoßzeit
Quelle: Google Street View
Der Bürgermeister der Gemeinde, Béla Bardi, hat laut eigener Auskunft nur einen Antrag auf Unterstützung eines Ausstellungsraums gestellt, in dem Exponate der Raumfahrtsammlung des zugesperrten Budapester Verkehrsmuseums ausgestellt werden sollten. Er ist von der Bekanntmachung ebenso überrascht, er wusste von nichts.

Eine weitere große Tat in der Region Tokaj, Theiß-Oberlauf und Nyírség soll eine gläserne Brücke werden, die in Sátoraljaújhely um 2,5 Mrd. Forint errichtet werden soll. 700 m soll sie messen, das wäre neuer Weltrekord. Die längste Glasbrücke gibt es derzeit in China, sie ist nur bescheidene 430 Meter lang.


Quellen:
kozlonyok.hu
https://444.hu/2017/02/28/harommilliardert-epit-a-kormany-urkozpontot-mateszalka-es-kisvarda-kozott-egy-ketezres-faluban
http://index.hu/gazdasag/2017/02/28/urkozpontot_es_uveghidat_is_epit_a_kormany/
http://hvg.hu/kultura/20170228_Amit_latsz_azt_kerlek_nezd_meg_majd_az_en_szememmel_is_Farkas_Berci_dalaval_koszontjuk_az_urkozpontot


Dienstag, 28. Februar 2017

Er ist wieder da

Die ethnische Homogenität müsse gewahrt werden, selbst die Putzfrau solle Ungarin sein und es werde zurückgeschlagen, sollten ungarische Arbeitnehmer im Ausland schlecht behandelt werden. Diese Zukunft zeichnete Viktor Orbán bei der heutigen Eröffnung des Geschäftsjahres der Ungarischen Kammer für Handel und Industrie.

Die Lage sei nicht gut, aber ermutigend, meinte Orbán heute bei der Ungarischen Handelskammer. Derzeit gebe es keine großen Fehler in der Wirtschaftspolitik, aber schlechter könne es immer noch werden. Die Falle, in der die mittelmäßig entwickelten Länder steckten - das Problem, dass man nicht schlecht dastehe, aber zu den entwickeltsten Ländern nicht aufschließen können -, bedrohe auch Ungarn. Wenn Ungarn alles so weitermache wie im letzten Jahr, sei das nicht genug, erklärte Orbán.

Weiters gab Orbán zu verstehen, dass "die ethnische Homogenität gewahrt bleiben muss", weil die "übertriebene Vermischung zu Problemen führt". Er halte auch die "kulturelle Einfärbigkeit" für wichtig, die "innerhalb einer Bandbreite kulturelle Buntheit bedeutet".
Wenn jemand durch Ungarn reise, sehe er, dass hier ein Kulturvolk lebt, das auf seine Umwelt achtet. Vielleicht sehe man das in Budapest nicht so deutlich, meinte er, doch sei das auf dem Land besonders wichtig.
Quelle: magyarnarancs.hu

Wichtig sei auch, dass in Ungarn ungarische Menschen die Arbeit verrichteten. Für manche sei es nicht wichtig, dass auch die Putzfrau Ungarin sei.
Orbán erklärte, dass man das Wachstum des BIP, das zwischen 3-5 % liege, "verteidigen" und nach 2020 ein Wachstum über 5 % erreichen müsse.


"Ohne große Taten werden wir das Feld der mittelmäßig entwickelten Länder nie hinter uns lassen", meinte Orbán. Diese "großen Taten" seien der Ausbau der Bahnlinie Budapest-Belgrad bzw. die Erweiterung des Atomkraftwerks Paks. Es sei kein Zufall, dass man diese Projekte aus dem Ausland zu verhindern versuche.
Das niedrige ungarische Steuerniveau (sic!) gefalle anderen Staaten genauso wenig, in diesem Zusammenhang sei vor allem Österreich zu erwähnen.
Wenn im Ausland ungarische Arbeitnehmer diskriminiert würden, werde Ungarn ähnliche Schritte unternehmen, versprach Orbán.

Orbán erwähnte auch das Bedingungslose Grundeinkommen: Würde es in Ungarn eingeführt, könnten alle Unternehmen zusperren. Ungarn habe keine Möglichkeit, ohne Leistung und Arbeit Geld zu verteilen, auch weil "die ethnischen Verhältnisse kompliziert" seien. [Das bezog sich ganz klar auf die "faulen" Roma.]

Von besonderer Wichtigkeit sei auch billige Energie für ungarische Unternehmen. Diese könnte laut heutigem Wissensstand nur in Atomkraftwerken hergestellt werden.
[Er ist wieder da.]


Quelle: http://hvg.hu/gazdasag/20170228_Orban_a_tul_nagy_keveredes_bajjal_jar
http://magyarnarancs.hu/villamnarancs/orban-viktor-szerint-etnikai-okokbol-elkepzelhetetlen-az-alapjovedelem-102706

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Tarnabod, im Schlamm gefangen




von Gabi Valaczkay

„So etwas kommt hier vor“, wirft Piroska ein, eine ungarische Frau mit weißem Kopftuch und dicken Armen, sie arbeitet in der Schulküche. In diesem Satz schwingt dieses bestimmte „Was-wisst-ihr-denn-in-Budapest-schon-vom-Leben“ mit. Piroska schleppt eine Schachtel mit Lebensmitteln, in ihr sind Mehl, Salz, Backpulver, Schmalz. Die Zutaten für das Essen der Ärmsten, das Bodag heißt, Zigeunerbrot.

„Am Ende des Monats haben die Familien nicht einmal mehr eine Handvoll Mehl. Dann kriegen die Kinder wirklich nur mehr das zu essen, was wir ihnen hier in der Kantine ausgeben.“


Quelle: http://www.sajto-foto.hu/en/2013/
kepek/dorko-daniel-fotoi/tarnabod_2
„Dominik hat den ganzen letzten Sommer an einer Hundekette verbracht“, erzählt der Direktor und deutet mit dem Kopf in Richtung eines Romajungen mit lammfrommen Blick. „Seine Eltern meinen, er sei sehr schlimm gewesen. Man musste ihn Mores lehren, meinten sie.“ Imre Maszlag, der Schuldirektor des Ortes Tarnabod in Nordungarn, hat den Blick gesenkt, als würde er sich selbst für diesen Fall schämen. Wir befinden uns eine Autostunde von Budapest, in einem Dorf mit 850 Einwohnern. In das Dorf führt eine Straße hinein, aber keine heraus und 95 % der Bevölkerung sind Roma, die Hälfte davon Kinder. Von den ungarischen Maltesern wird hier ein Demontagebetrieb für Elektronik betrieben, in dem 30 Leute Arbeit finden. Doch gibt es keinen Arzt, der täglich ordiniert, keine Apotheke und auch keinen Linienbus. Und auch Arbeit gibt es weit und breit keine. Die vier-, acht-, ja manchmal zehnköpfigen Familien leben von Kindergeld und Sozialhilfe.

Während die kleinen Schüler nach der Pausenglocke auf den Schulhof laufen, der einem Schlammmeer gleicht, macht Laci, der Hausmeister, beide Flügel des Schultores auf, damit der Kleinbus aus Budapest, vollgepackt mit Hilfsgütern, hereinrollen kann. Der Mittelpunkt dieses Dorfes ist nicht das Bürgermeisteramt, sondern die Schule. Hier hat nicht der Bürgermeister das Sagen, sondern der „maltesische“ Direktor. Eine der wichtigsten Aufgaben von Imre Maszlag ist die gerechte Verteilung der Hilfsgüter, die ins Dorf kommen. 


Ein Gramm mehr...


„So studierte Leute aus Budapest. Sie schicken immer Essen und Gewand. Letzten Winter haben sie auch Antibiotika organisiert und eine Waschmaschine für eine der Familien mit zehn Kindern, die Molnárs. Mein Kollege wird sie nachher dann zu ihnen begleiten, damit sie die Verhältnisse hier sehen. Zuerst laden wir aber schnell das Auto aus. Wenn wir in der Lieferung haltbare Lebensmittel, die wir nicht in 110 gleiche Teile teilen können, finden, legen wir sie zur Seite. Würde nämlich eine der bedürftigeren Familien auch nur ein Gramm mehr bekommen als eine andere, würde hier sofort eine Palastrevolution ausbrechen“, erklärt der junge Direktor und Vater. Seitdem er in Tarnabod arbeitet, schickt er jeden Tag ein Dankgebet gen Himmel, dass sein Sohn in der nahen Kleinstadt Eger aufwachsen kann: im Warmen, mit sauberen Kleidern, Gutenachtgeschichten, wohl genährt.

Die Kinder von Tarnabod leiden die meiste Zeit des Jahres Hunger. Das wusste ich schon, bevor ich einen Fuß in dieses Dorf gesetzt hatte. Das ist auf der Homepage des Malteser Hilfsdienstes zu lesen. Der Direktor hatte mich darauf auch telefonisch vorbereitet. Dass ich so ein Elend noch nicht gesehen hätte. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit welchem Blick die Kindergartenkinder in der Früh um neun nach dem Butterbrot greifen. Sie haben seit dem Vortag um vier Nachmittag nichts mehr gegessen.


 Zigeunerbrot


„So etwas kommt hier vor“, wirft Piroska ein, eine ungarische Frau mit weißen Kopftuch und dicken Armen, sie arbeitet in der Schulküche. In diesem Satz schwingt dieses bestimmte „Was-wisst-ihr-denn-in-Budapest-schon-vom-Leben“ mit. Eher Verbitterung als Wut. Piroska schleppt gerade eine Schachtel mit Lebensmitteln aus dem Kleinbus hinein. Sie kann sie kaum tragen. In ihr sind Mehl, Salz, Backpulver, Schmalz. Die Zutaten für das Essen der Ärmsten, das Bodag heißt. Man nennt es auch Zigeunerbrot, das Geheimnis der Zubereitung ist das Kneten des Teiges. Lange muss er geknetet werden.
„Am Ende des Monats haben die Familien nicht einmal mehr eine Handvoll Mehl. Dann kriegen die Kinder wirklich nur mehr das zu essen, was wir hier in der Kantine für sie kochen. Kommen Sie mit, ich zeig‘ es Ihnen.“ 

Spaghetti mit nichts 

 

In der ehemaligen Dorfkneipe haben die Malteser den Speisesaal der Schule eingerichtet. In dem niedrigen Raum hängt der Geruch von trockenem Schlamm und ungewaschenen Leibern. In Tarnabod ist das Badezimmer kein unverzichtbarer Bestandteil der Häuser. „Wir haben hier Kinder, die von den Dörflern damit aufgezogen werden, dass sie im Mutterbauch das letzte Mal mit Wasser in Berührung waren“, erzählt Piroska, die Küchenhilfe. Hinter dem Pult der Essensausgabe dampft das heutige Mittagessen in riesigen Kesseln: Bohneneintopf. Mehr Einbrenn als Bohnen. Der Schöpflöffel bleibt in der braunen Masse stecken. Während Piroska Essen austeilt, frage ich die Drittklässler, die sich angestellt haben, was sie am liebsten haben. Zehn Hände schießen in die Höhe: „Tomatensuppe! Äpfel! Topfen!“, rufen sie. „Ich mag am liebsten Spaghetti!“, sagt ein kleines Mädchen mit schwarzen Augen. Sie lächelt, als hätte sie mir gerade von einem Streich erzählt. „Ja und womit?“, frage ich dumm. Sie schielt verwirrt in Richtung der Lehrerin. „Spaghetti“, flüstert sie wiederum und lächelt.

So viel kann Tarnabod és mi
jeder bedürftigen Familie zu
Weihnachten geben. Für mehr
reicht es nicht.
Die isst man auch bei Molnárs heute zu Mittag. Nackte Nudeln mit Salz. Das weiß ich so genau, weil ich ihnen vier Packungen Makkaroni ohne Ei bringe. Der Direktor hatte sie mir in der Tür des inoffiziellen Lebensmittellagers in die Hand gedrückt. Eine Umkleidekabine des Schulturnsaals hat er zu diesem Zweck umfunktioniert. Die Molnárs hatten in der Früh ihren ältesten Sohn geschickt, er solle fragen, ob man ihnen nicht mit irgendwas zu essen aushelfen könnte. Sie hätten nichts mehr. „Meine Stelle als Schuldirektor hier hat nichts mit einer Pädagogenstelle in der Stadt gemein“, seufzt Imre Maszlag. „Im Winter geben die Eltern einander die Klinke in die Hand: Alle fragen, ob die Kinder nicht in der geheizten, beleuchteten Schule bleiben dürften, bis am Abend die Putzfrau fertig ist und abschließt. Das macht sie am Abend um sieben. In einem Teil der hiesigen Häuser gibt es auch dann keine Heizung und keinen Strom, wenn es draußen minus 15 Grad hat und nachmittags um vier schon dunkel ist. Im Winter schreiben viele von unseren Schülern ihre Hausaufgaben bei Kerzenlicht und Brennholz gibt es nie genug. In den meisten Häusern wurde der Holzboden lange schon verheizt. Die Lehrer haben auch ein ungutes Gefühl, wenn sie den Kindern übers Wochenende die Schulbücher mit nach Hause geben, weil schon Mal damit eingeheizt wurde.“

Unterwegs zur 13-köpfigen Familie Molnár bleiben Laci Kovács und ich vorm einzigen Lebensmittelladen im Dorf stehen. Der Pedell ist einer der wenigen Roma in Tarnabod, die beim Hilfsdienst in Anstellung sind, er wurde mir vom Direktor als „Fremdenführer“ an die Seite gestellt. Im Laden gibt es vor allem: Nichts. Und ein wenig Brot, Kartoffeln, Mehl und Zucker. Einige Tiefkühlhühner zu astronomischen Preisen. „Man erzählt, der Krämer ist ein Wucherer. So wie alle anderen wohlhabenden Roma in Tarnabod“, flüstert mir Laci zu, bevor wir ins Geschäft eintreten. Am Ende des Monats, wenn von den 80 Euro Sozialhilfe, die die Familien erhalten, nichts mehr übrig ist, gibt es hier Brot auf Pump. Für 2 Euro das Kilo. Der korrekte Preis wären 60 Cent. Für 5-6 kg Hühnerhälse oder Hühnerrücken würde es sich schon lohnen, in die Stadt zu fahren, wenn die 3-4 Autobesitzer des Dorfes nicht bei den Mitfahrkosten so sehr wuchern würden. Sie verlangen das acht- bis zehnfache des Pro-Kopf-Benzingelds.
„Das ist ein Teufelskreis. Die Menschen sind völlig verbittert.“, meint Laci und kickt einen Kieselstein. Die einzige asphaltierte Straße der Ortschaft wurde vom Winter zerbröselt. Jedes dritte Haus, alle sind hier aus Lehm gebaut, ist unbewohnt, jedes fünfte ist in sich zusammengefallen. Die Dachstühle waren schnell verschwunden und verheizt. „Sie glauben mir sicher nicht, wenn Sie sich heute hier umsehen, aber vor 30 Jahren war Tarnabod das reichste Dorf in der Umgebung. Mit geschniegelten kleinen Höfen, Gärten voller Blumen wie im Märchen. Die Probleme auf dem Land begannen mit der Wende, nachdem die Landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaften schnell an irgendwelche Leute verschachert wurden. Wir Zigeuner hatten auf einmal keine Arbeit mehr, keiner brauchte Korbflechter, Putzfrauen, Tagelöhner oder Maschinenschlosser. Viele von den Betrieben kamen in ausländische Hand. Die Familienväter sitzen hier seit Jahren schon in der Dorfspelunke und nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz. Oder im Gefängnis.“ Ein Großteil der Eltern hat nichts gelernt, hat keine Erfahrung, hat keine Ahnung von Behördengängen, wie man sich Geld einteilt oder Kinder erzieht. Die Kindergartentanten schützen die Kinder vor der staatlichen Fürsorge wie Tigermütter, doch wenn die Fürsorge sieht, dass die Kindern nur mehr von Wasser leben, können auch sie nichts mehr tun. Sie haben Läuse, Krätze, von Kälte und Dreck haben sie offene Stellen im Gesicht.
„Ach, was für dreckige Geschichten es nicht gibt“, sagt Laci bitter und macht eine wegwerfende Handbewegung. Selbst er als Hausmeister hat sich oft schon tagelang mit den kleinen Schülern beschäftigt, damit sie – nach einem Brief aus dem Gefängnis oder einem Besuch beim Vater dort – wieder in Ordnung gekommen sind. „Da beginnen wir dann wie wild Bilder auszuschneiden, zu kleben, allerlei zu basteln; dabei bringen wir sie dazu, sich auszusprechen. Einmal hatte ein kleiner Junge einen schlimmen Wutanfall. Wir wussten, dass seine Mutter einige Monate zuvor zum Anschaffen nach Budapest gegangen war. Dann fanden wir heraus, dass seine Großmutter, die ihn und seine Geschwister alleine erzog, Krebs hatte. Am Tag bevor er die Schule auseinandernehmen wollte, musste er zuhören, wie entfernte Verwandte sich stritten, wer die Vormundschaft für die Kinder übernehmen sollte, wenn dann die Großmutter gestorben ist.


Hühnerrücken, so viel sie tragen kann


Wir erreichen das Ende des Dorfes. Die letzte Hütte hier wird nur mehr vom Wind bewohnt. Das Haus, ein Tatort der Roma-Mordserie, wurde von den inzwischen verurteilten Zigeunerhassern mit Molotowcocktails beworfen. Es steht leer. Auch die Rentner, die keine Roma sind, zogen aus der Nachbarschaft fort. Heute leben in Tarnabod nur mehr ein halbes Dutzend „anständige ungarische Leute“. Wie man Gadschos, also „Nicht-Zigeuner“, der nationalen Rhetorik entsprechend nennt.

Ilonka Molnár hat in ihrem Leben noch nie darüber nachgedacht, wie sie eine anständige ungarische Bürgerin werden könnte. Nach den Kategorien der Rechtsextremen zumindest nicht. Ilonka Molnár war die letzten 20 Jahre ausschließlich damit beschäftigt, ihren acht Kindern Essen zu beschaffen. Heute, mit 36, ist ihr größtes Problem, auch die zwei Enkel, die man ihr anvertraut hat, satt zu kriegen. Das Haus hat keinen Zaun, keinen Garten: Auf Steinen, die in den Dreck geworfen wurden, balancieren wir bis zur Tür. Ilonkas Haare sind eigenartig farblos und am Scheitel zu einem Zopf geflochten. Sie hat keine Zähne. Ihre Augen zeugen davon, dass sie einmal eine schöne Frau gewesen war.

Drinnen, im „Wohn-Vor-Küchenzimmer“ hat irgendjemand einmal die Wände rot gestrichen. Auf die zersprungenen weißen Bodenfliesen sind Eierschalen und Zigarettenasche gefallen. Nackte Kindersohlen machen auf den Fliesen ein klatschendes Geräusch. „Mein Herzchen“, nennt mich die magere Frau mit einem Lispeln und packt mich bei der Hand. „Ich will nicht viel von Ihnen, nur sechstausend Forint, damit ich die Gasflasche tauschen kann. Wie soll ich denn sonst für die Kleinen kochen?“
„Ich bin nicht vom Hilfsdienst, ich bin eine einfache Mutter, wie Sie, Frau Molnár. Eine Private“, entschuldige ich mich überflüssigerweise. Es folgt ein einseitiges Gespräch. In Wirklichkeit ein Monolog. Ilonka gibt nicht auf, sie versucht aus mir herauszudrücken, was heute möglich ist. Ihr Mann ist das einzige Familienmitglied, das hier im örtlichen Betrieb Arbeit hat. Für den Mindestlohn: 220 Euro.
„Und dieser starke, fesche Bursche, warum arbeitet er nicht?“, ich zeige auf einen tätowierten Jungen im Unterhemd, der vor dem Haus steht und raucht. „Ach, der ist noch jung, gerade mal 16 vorbei“, meint Frau Molnár und macht eine wegwerfende Handbewegung. „Er hofiert meine zweitälteste Tochter, Adrienn. Man könnte sagen, er ist ihr Mann“, kichert sie. „Aber sie sind ja nicht verheiratet. Es kam ein Kind. Hier ist es!“ und sie zeigt auf eines der lockigen Kinder auf dem Boden. Dann ruft sie ins Zimmer, das durch einen Vorhang getrennt ist. „Adrienn, komm her! Ich will dich der Frau zeigen. Sehen Sie nur, meine schönste Tochter. Und auch die gescheiteste. Sie wollte Dings werden. Wie heißt das? Die so im Fernsehen sind. Sag schon, Adriennchen.“

„Moderatorin“, flüstert das kleine, zerbrechliche Mädchen, das am Türstock lehnt. Sie schaut auf ihre Zehen, nicht mir ins Gesicht. Auch sie ist barfüßig, obwohl man heute auch im Mantel nicht schwitzt. „Sie hat sehr gut gelernt, sagt man. Sie ist begabt. Kann sehr schön reden. Dann wurde sie schwanger von ihrem Klassenkollegen, dem Sanyi. Dann musste sie die Schule verlassen. Jeden Nachmittag schaut sie sich im Fernsehen die Talk-Shows an, damit sie was lernt.“ Doch hat sie noch nie eine politische Tageszeitung gelesen, wird doch in Tarnabod so etwas nicht verkauft. Deshalb weiß das 16-jährige Mädchen nicht, dass in anderen ungarischen Romadörfern von Zeit zu Zeit paramilitärische Einheiten aufmarschieren, die in ihren schwarzen Uniformen stubenreine Romakinder erschrecken, die dann wieder bettnässen. Die junge Mutter in Tarnabod hat auch noch nie vom Journalisten Zsolt Bayer gehört, einem Mitglied der Regierungspartei Fidesz, einem guten Freund des Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der vor einigen Monaten einen Teil der ungarischen Roma als Tiere bezeichnete. Er meinte, es wäre an der Zeit, sie aus der Gesellschaft auszuschließen, praktischer wäre jedoch, sie von der Erde zu tilgen.

Adrienn Molnár möchte leben. Sie möchte nur dieses eine Kind haben, sagt sie. Weiter in die Schule gehen. Dann das Moderatorenhandwerk lernen. Sie würde viel Geld verdienen und einmal ihrer Mutter so viele Hühnerrücken nach Hause bringen, wie sie nur tragen kann. 


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„Weg mit den Romakindern!”


Die großen Verlierer der Wende in Ungarn sind jede 20-30-jährigen Roma – ein großer Teil der erwachsenen Bevölkerung Tarnabods –, die um 1989 zur Welt gekommen sind. Das kommunistische Regime unter János Kádár hatte ihre Eltern auch nicht sonderlich unterstützt, dennoch gab es immer Hilfsarbeiten in Betrieben, Bergwerken, auf dem Bau. Nach der „Wende“, war es auch mit diesen bescheidenen Möglichkeiten vorbei. Die traditionellen „Zigeunerberufe“ waren schon viel früher, im Kommunismus, verboten worden. Die jetzige, junge Elterngeneration hat ihre Eltern nur mehr selten zur Arbeit gehen gesehen, deshalb gibt es auch kein Muster, dem sie folgen könnte. Lernen hatte in diesen Familien nie Tradition, auch Landwirtschaft nicht. Mit dem Heraufziehen der Demokratie begann die Höllenfahrt der ungarischen Roma. Und sie setzt sich bis heute fort, nachdem ein großer Teil der verarmenden und sich radikalisierenden Mehrheitsgesellschaft die Romafamilien, die traditionell viel Kinder haben, für fast alle Probleme verantwortlich macht. Man fordert sogar die Zwangssterilisation von Romafrauen.