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Donnerstag, 8. März 2018

Weiß und christlich - János Lázars Wienausflug

Der ungarische Kanzleramtsminister war in Wien-Favoriten und hat einen Wahlkampffilm gedreht, in dem er die "fürchterlichen Zustände" zeigt, die in Ungarn eintreten werden, wenn die Opposition die Wahl gewinnt. Diese Aktion erinnert ein wenig an die nordkoreanischen Propagandasendungen über die USA, in denen davon gesprochen wird, dass die Leute in den USA hungern und auf den Straßen schlafen.
Das Video erschien auf János Lázárs Facebookseite, verschwand aber einen Tag später von dort, man sagte, facebook habe es als Hassposting klassifiziert und heruntergenommen. Das klingt, wenn man facebooks Zensurpolitik kennt, ein wenig eigenartig. Jedenfalls wird dadurch die Wahlkampfmaschinerie in Gang gehalten, weil schon erste Stimmen zu vernehmen sind, dass sich facebook (das Ausland) in den ungarischen Wahlkampf einmische, ja Lázár hat auch schon verlautbart gegen die "Zensur" im europäischen facebook-Hauptsitz zu protestieren. Man dürfe, wie man sehe, keine aufrichtige Meinung über die wirklichen Zustände äußern, meinte der Kanzleramtsminister und bediente damit ein wohlbekanntes rechtsextremes Narrativ. (Das Video ist inzwischen wieder online.)

Hier sei nun wiedergegeben, was János Lázár in seinem Film erzählt:


"In diesem bekannten Wiener Bezirk hat es vor 20 Jahren noch keinen Einwanderer gegeben, heute gibt es Weiße und Christen hier nur mehr im Pensionsalter. Alle anderen sind Einwanderer. In Österreich ist die Zahl der Einwanderer auf 700.000 angewachsen, viele von ihren wohnen in diesem Viertel von Wien. Hier sehen wir, wie Budapest in 20 Jahren aussehen wird, wenn die Oppositionsparteien Einwanderer nach Ungarn lassen. Wir arbeiten daran, das zu verhindern. Ich habe versucht, mich bei einigen Einwanderern zu erkundigen, wie das Leben hier ist, wie sie sich in Wien fühlen, es konnte aber keiner darauf antworten, weil keiner Deutsch sprach. Wenn Migranten ins Land kommen, entsteht, so zeigt es die Erfahrung, eine Stadt innerhalb der Stadt und die Einwanderer bestimmen das Leben der Gemeinschaft. In Wien gibt es viele Schulen, in denen man keine weißen, Wiener Kinder mehr findet, nur Kinder muslimischer Einwanderer und aus dem Nahen Osten. Diese Einwanderer-Gemeinschaften verändern das traditionelle Stadtbild vollständig. Die Straßen sind hier ganz offensichtlich schmutziger, das Viertel ärmer und es gibt viel mehr Kriminalität. Die Einwanderer haben die Umgebung an sich angepasst. Die weißen, christlichen Österreicher sind weggezogen und die Einwanderer haben die Kontrolle über dieses Viertel übernommen. In diesen Vierteln ist die Unordnung, wie ich heute gesehen habe, wesentlich größer. Es gibt viel mehr Müll auf den Straßen, Schmutz, Dreck und die wenigen Wiener, die noch hier leben, sagen, dass es hier viel mehr Kriminalität gibt und sie in Angst hier leben. Die große Frage ist, was für eine Zukunft auf uns Ungarn, auf uns ungarische Stadtbewohner zukommt. Wenn wir die Migranten ins Land lassen und sie in unseren Städten leben, wird das Folgen haben: Kriminalität, Verelendung, Schmutz, Dreck, unerträgliche Zustände in den Städten. Wenn die Migranten nach Ungarn kommen, ist so eine Entwicklung nicht zu verhindern."

Und das ganze wird noch ein wenig absurder: Jobbik, die ungarischen Rechtsradikalen, hat sich in einer Presseaussendung von der Fidesz-Propaganda distanziert.

"Jobbik hält das am Dienstagabend veröffentlichte, seither gelöschte Wien-Video des Kanzleramtsministers János Lázár, für unwürdig und nachteilig für die ungarisch-österreichischen Beziehungen. Österreich ist unser historisch, wirtschaftlich und kulturell wichtiges Partnerland, außerdem verabschiedete die österreichische Regierung gerade in der jüngsten Vergangenheit mehrere, die Einwanderung beschränkende Maßnahmen, die auch Zustimmung von ungarischer Seite fanden.
Laut Erhebungen zählt Wien zu den lebenswertesten Städten der Welt, nicht umsonst wählten viele Ungarn, die ihr Heimatland laut Premier Viktor Orbán wegen „Abenteuerlust” - laut Jobbik gezwungenermaßen - verließen, Österreichs Hauptstadt als ihren Wohnort. Die ungarische Regierung hat offensichtlich nur mehr eine einzige Botschaft an ihre Wähler: Dafür nützt sie das reale Problem der Einwanderung und verflogt kurzfristige innenpolitischen Ziele. Unter dieser Kriegskommunikation leiden auch unsere diplomatischen Beziehungen.
Die Partei Jobbik verurteilt das gegen Wien gerichtete Hetzvideo und ich entschuldige mich hierfür auch im Namen Viktor Orbáns bei den Österreichern.

Gábor Vona
Ministerpräsidentenkandidat von Jobbik"



Montag, 3. April 2017

Brüssel, böser denn je!

Vor wenigen Tagen wurden von der Orbán-Regierung unter dem Titel "Nationale Konsultation 2017" wiederum Fragebögen ausgeschickt, durch die die Regierung die "Meinung der Bürger" erfahren will. Ähnliches hat schon stattgefunden. Der Fragebogen sei hier ohne weiteren Kommentar wiedergegeben.

1.    Brüssel ist dabei, einen gefährlichen Schritt zu tun. Man will uns zur Rücknahme der Nebenkostensenkung zwingen.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Wir müssen die Nebenkostensenkung verteidigen. Beharren wir darauf, dass in Ungarn wir die ungarischen Energiepreise festlegen.
B.    Akzeptieren wir die Pläne Brüssels und überlassen wir den Großunternehmen die Festlegung der Nebenkosten.

2.    In letzter Zeit ist es in Europa immer wieder zu Terrorangriffen (sic!) gekommen. Trotzdem will Brüssel Ungarn zwingen, illegale Einwanderer ins Land zu lassen.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Zur Sicherheit der Ungarn müssen die illegalen Einwanderer unter Aufsicht gestellt werden, bis die Behörden in ihrer Sache entschieden haben.
B.    Erlauben wir den illegalen Einwanderern, sich frei in Ungarn zu bewegen.

3.    Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die illegalen Einwanderer, die nach Ungarn wollen, nicht nur von Menschenschmugglern, sondern auch von bestimmten internationalen Organisationen zu ungesetzlichen Aktivitäten angestiftet werden.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Die Aktivitäten zur Förderung der illegalen Einwanderung – wie den Menschenschmuggel und die Bewerbung der illegalen Einwanderung – müssen bestraft werden.
B.    Akzeptieren wir, dass es internationale Organisationen gibt, die ohne Konsequenzen zur Umgehung der ungarischen Gesetze aufrufen können.


4.    Es sind immer mehr vom Ausland unterstützte Organisationen in Ungarn tätig, die die Absicht verfolgen, auf die inneren Angelegenheiten Ungarns auf undurchsichtige Weise Einfluss zu nehmen. Die Tätigkeit dieser Organisationen gefährdet unsere Unabhängigkeit.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Verpflichten wir sie dazu, sich registrieren zu lassen und dabei anzugeben, im Auftrage welchen Landes oder welcher Organisation sie tätig sind und welche Absichten sie verfolgen.
B.    Lassen wir sie auch weiterhin unkontrolliert ihrer riskanten Tätigkeit nachgehen.

5.    Ungarn war bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze in den letzten Jahren allein deshalb erfolgreich, weil es seinen eigenen Weg ging. Brüssel jedoch greift die Maßnahmen zur Arbeitsplatzschaffung an.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Über die Zukunft der ungarischen Wirtschaft müssen auch weiterhin wir Ungarn entscheiden.
B.    Brüssel soll entscheiden, was in der Wirtschaft zu tun ist.

6.    Ungarn fühlt sich der Steuersenkung verpflichtet. Unsere Heimat wird von Brüssel auch deswegen angegriffen.
Was soll Ungarn Ihrer Meinung nach tun?

A.    Bestehen wir darauf, dass wir Ungarn über die Steuersenkungen entscheiden dürfen.
B.    Finden wir uns damit ab, dass Brüssel die Höhe der Steuern diktiert.

Die Rücksendung des Fragebogens ist kostenlos.
Einsendeschluss: 20. Mai.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Die Zigeuner stinken?

Es geht ein Übungszettel einer Budapester Sprachschule, dessen Authentizität aus verlässlicher Quelle bestätigt wurde, um. In dieser Sprachschule wird auch Ungarisch als Fremdsprache
unterrichtet, der Übungszettel stammt aus dem Unterricht. Scheinbar will man den Lernenden nicht nur die ungarische Sprache, sondern auch die Denkweise näherbringen.

Er sei hier kurz übersetzt.



II. Finde die passenden Paare!



Die Schotten
Satanisten.
Die Russen
ungepflegt.
Die Deutschen
Maffiosi.
Die Araber
Terroristen.
Die Zigeuner
trinken und feiern Party.
Die blonden Frauen
dumm.
Die Fußballspieler
Nazis.
Die Italiener
präzise.
Die Franzosen
Frauenhasser.
Die Musiker
geizig.
Die Juden
stehlen.
Die Arbeiter
laut.
Die Studenten
Alkoholiker.
Die Rocker (und alle die schwarz tragen)
stinken.
Die Punks
nehmen Drogen.
Die Nordeuropäer
durchtrieben.



Quelle.

Montag, 10. Oktober 2016

Der Zaun rund um Pécs

Stimmungsbilder - Viktor Orbans Angst- und Schreckensherrschaft erreicht jetzt auch 7-jährige Schulkinder. Eine kleine Geschichte am Rande der ungarischen Volksabstimmung vom 2. Okt. 2016.

Gastbeitrag

Wir alle wissen, am 2. Okt. 2016 war das ungarische Wahlvolk dazu aufgerufen, über die Ansiedlung nichtungarischer Menschen auf ungarischem Staatsgebiet abzustimmen. Genau lautete die Frage, ob durch den Rat der EU mit Sitz in Brüssel auch der Republik Ungarn Asylbewerber zur Aufnahme zugewiesen werden können. Dazu gab es eine monatelange Kampagne der ungarischen Regierung und Medien, die die Bevölkerung täglich mit Schreckensszenarien aus anderen europäischen Städten konfrontierte. Dazu folgende kleine Geschichte: 

Opa, bereits seit langem Rentner, holt seine kleine Enkeltochter in Pécs an der Schule nach dem Unterricht hat. Das kleine Mädchen, gerade mal 7 Jahre alt, wünscht sich sehnlichst eine kleine Spielzeugfigur, die es zur Zeit als Präsent bei einem großen Lebensmitteldiscounter gibt. Alle Schulkameradinnen haben bereits solche Figuren, also möchte Kira auch wenigstens eine haben. 
Opa geht mit Kira zur entsprechenden Filiale, auf dem Weg ist die Freude groß. Doch jähes Entsetzen im Geschäft: die Figuren sind ausverkauft! Kira weint. Kira ist das einzige Mädchen der Schulklasse ohne eine dieser Figuren.... Opa zerreißt es fast das Herz und er entschließt sich, das Auto zu nehmen und in eine andere Filiale zu fahren, in eine der kleinen Nachbarstädte. Die sind zwar alle 40 – 50 km entfernt, doch was soll's, das Weinen des 7-jährigen Enkelkinds ist herzerweichend. 
Opa und Kira gehen zum Auto. Plötzlich stoppt Kira und sagt: "Opa, das geht doch gar nicht! Wir können nicht nach Komló fahren!" und weint noch mehr. 
Opa fragt seine Kira: "Warum denn nicht, das Wetter ist schön und das Auto in Ordnung." Da sagt Kira: "Nein, Opa, wir können nicht aus Pécs hinausfahren! Um Pécs herum ist ein großer Zaun, damit die Migranten nicht hereinkönnen. Da kommen wir nicht durch und draußen ist es gefährlich!" 
Opa ist zunächst sprachlos. Dann fragt er seine kleine Kira, woher sie das dann wisse? Kira sagt: "Im Fernsehen werden jeden Tag der große Zaun, Soldaten und Polizisten gezeigt, die aufpassen, dass die vielen bösen Menschen hinter dem Zaun bleiben. Und dann sagt ein Mann, wenn wir nicht wollen, dass diese Leute in unsere Stadt kommen, müssen wir am Sonntag zur Volksabstimmung gehen. Und überhaupt, auch auf jedem Bus hier, sogar auf den Schulbussen, ist ein Plakat, dass am Sonntag Volksabstimmung ist und alle hingehen müssen."

B.Sch.

Freitag, 4. März 2016

„Wir werden aus Ungarn kein Europa machen"



Es ist besser, individuell zu handeln als gemeinsam nichts zu tun“, war das Bonmot unter dem Orbáns allfreitägliches nationales Briefing stand. Damit reagierte er auf Merkels Warnung, dass eine einzelstaatliche Krisenbehandlung zu nichts führe. Orbán lobte sich, dass er voriges Jahr den ersten Schritt gemacht habe und somit Ungarn das „geschützteste“ Land der EU sei.
Die Kosten für den Schutz gegen die „Migranten“ habe Ungarn alleine getragen, nur 4-5 Mio. Euro, „die uns zustehen“ seien aus der EU gekommen, die internationalen Quellen seien verschwindend gering gewesen. Dazu meinte er, „in der EU wird das Geld auf andere Weise gezählt“, deshalb habe er vorerst keine weiteren EU-Geldmittel zur Bewältigung der Flüchtlingskrise angefordert, weil diese auch mit weiteren Verpflichtungen verbunden sein könnten und somit der Handlungsspielraum der Regierung beschränkt würde.
Er hielt es weiters für unverständlich, wie Griechenland es dulden konnte, dass seine Grenzen zu existieren aufgehört hätten, und warum es die „Migranten“ von den Inseln auf das Festland gebracht habe. „Das sind rätselhafte Dinge“, meinte Orbán und erklärte, dass man das auch anders hätte lösen können.

„Wir werden aus Ungarn kein Europa machen, dieses Land bleibt ein sicherer Ort“, meinte Orbán und bekräftigte, dass man bereit sei, auch an der rumänischen Grenze die Überwachung zu verstärken, sollten sich die Migrationsbewegungen in Richtung Ungarn wiederum verstärken.

Martin Schulz schlaumeiere, wenn er erklärt, er verstehe nicht, warum man über 1300 Flüchtlinge eine Volksabstimmung abhalten müsse. Orbán meinte, man arbeite in Brüssel an einem ständigen Verteilungssystem und dagegen wolle er mit der Volksabstimmung auftreten. Denn viele glaubten, die Flüchtlingspolitik könne dem Volkswillen widersprechen, der Liberalismus pralle also auf die Demokratie. Es stelle sich nicht die Frage, was eine Regierung denkt, sondern was die Menschen wollten, die Ungarn gehörten in das Lager der demokratischen Völker, deshalb würden die Menschen auf jeden Fall befragt.

„Andy Vajna dürfen wir auch nicht vergessen“, meinte Orbán im Zusammenhang mit dem Oscar-Erfolg des ungarischen Films "Der Sohn des Saul". [Andy Vajna hat dereinst Filme wie Rocky und Terminator produziert und ist heute die ungarische Filmförderung in einer Person.] Er sei „einer der mutigsten Ungarn“, der im „Wespennest“ der ungarischen Filmindustrie Ordnung gemacht habe und die Möglichkeit schuf, dass solche Filme entstehen können.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Der ungarische Globus

Viele werden sich denken, wie in Ungarn möglich ist, was dort geschieht. Das Ganze hat etwas mit der Volksseele zu tun, die es ja objektiv gesehen - so sagt es uns die Wissenschaft - nicht gibt. Gut. Dann halten wir uns an Narrativa, Traditionen und Hierarchien, die immer wieder bekräftigt, gestärkt und wachgerufen werden.
György Faludy (1910-2006) hat in seinem Buch Meine heiteren Tage in der Hölle für jeden verständlich zusammengefasst, was der Grund dafür ist, dass es in Ungarn so ist, wie es ist und solange nicht eine große Menge an im Ausland sozialisierten Ungarn irgendwann mal in die "alte Heimat" zurückkehrt, sich auch nichts ändern wird.

György Faludy: Der Ungarische Globus
 
Ich wusste, dass sich für so altmodische Kennenlernreisen der europäischen Länder das 1938er Jahr und die nachfolgenden kaum eignen und meine finanziellen Mittel solcherlei ohnehin nicht zulassen würden. Ich konnte mich, wenn ich schon emigrieren musste, damit trösten, dass ich eine Reise machen würde, nach der ich mich im Geheimen so oft gesehnt hatte. Ja, ich kannte Paris, wenn auch die Pariser nicht. Ich wusste, dass es Krieg geben würde. Und obwohl ich mich darauf vorbreitete, dass vor dem Krieg Paris mein Wohnort sein würde, ich während des Krieges mit der französischen Armee herumzöge, ahnte ich irgendwie: All das ist weit nicht so einfach und meine Emigration würde wohl auch nicht an den Ufern der Seine enden. Ich wusste schon, echte Emigration ist stets eine erzwungene Flucht. Dazu braucht es kein Geld. Zu Fuß oder auf dem Dach eines Zuges, auf einem Pferdewagen oder tief im Bauch eines Schiffes, aber wenigstens umsonst. Der fünfte Grund für meine Emigration ist das Reziproke des vorherigen und ergibt sich automatisch aus diesem. Gegensätzliche Kräfte zerrten an mir, ich wurde von Ungarn angezogen und abgestoßen. Ich wollte bis zum meinem Tod in Budapest leben und war glücklich, dass ich von dort fort kam;
es war für mich ganz natürlich, dass ich als Ungar geboren war, ich war stolz darauf und gleichzeitig verfluchte ich meine Herkunft. Hier denke ich an viel gewichtigere als die politischen Gründe. Daran, was Endre Ady als ungarische Brache bezeichnet hatte, und all sein Zubehör bzw. an den chronischen ungarischen Provinzialismus. Dieser wurde nicht von Ady entdeckt: Neben einigen unserer Dichter wussten auch István Széchenyi, József Eötvös, Zsigmond Kemény, László Szalay, Oszkár Jászi, Rusztem Vámbéry und andere, was für ein Schicksalsschlag dieser Provinzialismus war. Antal Szerb nannte ihn in der ihm eigenen Sanftheit „ungarischer Finitismus“. Darunter verstand er, dass wir die wesentlichen Fragen nicht gerne stellen, und unsere Antworten nicht im Vorhinein durchdenken.Im 19. und in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war das Grundelement der ernsthafteren Konversation Tratsch und Anekdote. Wenn es dazu kam, rückten alle ihre Stühle näher und waren ganz Ohr. Warf jemand philosophische oder ethische Fragen auf, begannen die Zuhörer sich nach und zu entfernen. Unser Ungarischsein, unsere Geschichte, ja die Kritik am menschlichen Sein wurde gleich als Landesverrat gesehen. Als ich mich nach Weihnachten des Jahres 1938 in den Zug nach Paris setze, wiegte sich die ungarische Öffentlichkeit nicht nur im Traum, Ungarn wäre eine Großmacht, sondern sie war sich dessen sicher. Keiner nahm zur Kenntnis, dass unsere „Große Nation“ 413 Jahre zuvor bei Mohács ihr Ende gefunden hatte, wie Károly Kisfaludy in seinem besten Gedicht das so unmissverständlich niedergeschrieben hatte. Der Ausdruck „Ungarischer Globus“ verdeutlicht diesen Provinzialismus wohl am besten: Unser Horizont reichte nur bis an die ungarische Grenze und nicht weiter. Diese Weltsicht äußert sich in jedem kleinen Detail des ungarischen Lebens, auch in der Literatur. Ich war immer verzweifelt, warum man denn die besten Sprossen unserer Literatur nicht ins Englische, Französische, Deutsche, Italienische übersetzte, und wenn doch, warum man sie nicht würdigte. All das führte ich auf die Gleichgültigkeit des Westens zurück und darauf, dass unsere Sprache der indoeuropäischen Sprachfamilie so fern ist. Erst in den fünf Jahren, die ich an ausländischen Universitäten verbrachte, verstand ich langsam, dass mein Denken von der ungarischen Umgebung und Erziehung geprägt war. Erst da merkte ich, dass mein Liebling und Meister der Sprachschönheit, Toldi von Arany auch in der bestmöglichen Übersetzung nur ein verspätetes Epos über einen starken und dummen Menschen ist, dessen Schicksal im Westen des 20. Jahrhunderts niemanden interessierte, oder ein anderes Lieblingsgedicht von mir – Sándor Petőfis „Szeptember végén“ – für den westlichen Leser höchstens ein sentimentaler Schmus von einem Toten ist, der aus dem Grab steigt, um sich den Schleier zu holen, den seine Witwe an sein Grabkreuz gehängt hat.Ich ahnte, dass ich noch weiter gehen müsste. Mir tat immer irgendwie weh, dass ich im Westen ständig mit Erfolgen von Franz Molnár, der die Bühnentechniken großartig einsetzte, davon abgesehen aber leichte und oberflächliche Stücke schrieb, konfrontiert wurde, unsere wirklich großen Schriftsteller aber niemand kannte. Irgendwie spürte ich schon den Grund dafür – Franz Molnár ist zwar nicht viel wert, aber er ist nicht provinziell, während der Großteil unserer Genies sich nur auf dem „ungarischen Globus“ und nicht innerhalb der Grenzen Europas bewegt, also provinziell ist. Der ausländische Leser muss die ungarische Geschichte kennen und die ungarischen Verhältnisse, um ihre Werke genießen zu können. Ich hielt das für ganz natürlich, bis einige ausländische Freunde mich aufklärten: Um Richard III. zu verstehen, muss man sich in der englischen Geschichte nicht auskennen und bei Krieg und Frieden muss man nichts über die Napoleonischen Kriege wissen. Die Tragödie des Menschen ist eine Ausnahme; doch die meisten Gedichte von Petőfi, Jókai, Mikszáth, ja der Großteil von Zsigmond Móriczens Büchern – z. B. gerade sein Buch „Siebenbürgen“ – ist, ohne die ungarischen Verhältnisse und die ungarische Geschichte gründlich zu kennen, unverständlich. Wenn vielleicht auch ungewollt, wurden all diese Werke für den Inlandsgebrauch gemacht. Den Vers von Verlaine: „Dans l’interminable/ Ennui de la plaine/ La neige incertaine/ Luit comme du sable” – kann man in jede Sprache übersetzen, diese Zeile: „Ég a napmelegtől a kopár szík sarja”, in keine andere Sprache der Welt. Mit Dezső Kosztolányi, Attila József und Frigyes Karinthy waren rasch nacheinander jene drei Autoren gestorben, die ich am meisten schätzte, doch ich fühlte – wie andere auch –, dass mit ihrem Tod ein Zeitalter zu Ende ging und von der unmittelbaren Zukunft nicht viel Gutes zu erwarten war. Schon deshalb nicht, weil plötzlich der Kampf der volkstümlichen und urbanen Schriftsteller an der Tagesordnung war, etwas, was ich schon immer ungarische Schizophrenie nannte, und wovon ich mich so fern zu halten versuchte, wie nur irgend möglich. Und wenn ich an die Worte des englischen Abgeordneten dachte, plagte mich das schlechte Gewissen nicht mehr wie früher: dass ich vor einem Kampf davonlaufen würde. Ich floh von einem Schlachtfeld, auf dem meine Gegner bis über die Zähne bewaffnet aufmarschierten, mir aber keine einzige Waffe geblieben war. Ich will ja nur lernen, tröstete ich mich, und dann, eines Tages, mit mehr Wissen in ein neues, besseres Ungarn zurückkehren.

Aus György Faludy: Pokolbéli víg napjaim (Meine heiteren Tage in der Hölle)

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz



György Faludy war einer der letzten Großen der ungarischen  Zwischenkriegsliteratur, einer, der Kosztolányi, Attila József, Karinthy persönlich gekannt hatte. Er bereiste ganz Europa, studierte in Wien, Graz, Berlin (wo er Einstein kennenlernte). Seiner jüdischen Abstammung wegen ging er 1938 nach Paris, dann in die USA. 1946 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er bald von den Kommunisten verfolgt und für drei Jahre interniert wurde. 1956 flüchtete er, ließ sich in London nieder, ging dann nach Kanada. Erst 1989 kehrte er erneut nach Ungarn zurück.
Faludy ist besonders für seine Übersetzungen und Bearbeitungen bekannt (Villon, Pantagruel, antike Literatur) und sein dichterisches Schaffen.

Bei seiner Beerdigung war trotz seiner Wichtigkeit für das ungarische literarische Leben niemand von Fidesz anwesend. Faludy hatte nämlich in einem seiner späten Gedichte gemeint, er könnte Orbán nicht ausstehen (dieser wurde aber namentlich nicht erwähnt). Zur Beerdigung von Tony Curtis, dem Sohn ungarischer Einwanderer, wurde eine (Fidesz-)Regierungsdelegation in die USA geschickt.